Vorbemerkungen
• Das Motiv zu diesem Text war die Zusammenstellung und Bündelung einer Fülle von (mir oft nur sporadisch vorliegenden) Informationen über Ernst Gottlieb Ziegenbalg aus der Perspektive eines Mathematikers.
• Die Schreibweisen in diesem Text (z.B. Tranquebar / Trankebar) wurden in der Regel so übernommen, wie sie in den jeweiligen zugehörigen Quellen zu finden sind.
Ernst Gottlieb Ziegenbalg war Theologe und Mathematiker. Nach seiner Kindheit in Tranquebar (Südindien) lebte und wirkte er überwiegend in Süddeutschland (Denkendorf, Maulbronn und Tübingen), sowie in Jena, England und Kopenhagen.
Herr Gerhard Betsch vom Mathematischen Institut der Universität Tübingen machte mich in den 1980er Jahren im Rahmen einer Präsentation von Rara der Bibliothek mit Herrn Wilfried Lagler von der Leitung der Universitätsbibliothek Tübingen bekannt. Beide hatten neben ihren eigentlichen Fachgebieten auch starke historische Interessen.
Im Laufe des sich an die Präsentation anschließenden Gesprächs fragte mich Herr Lagler, ob ich mit dem Wort "Tranquebarius" etwas anfangen könne. Auf meine erstaunte Nachfrage erläuterte er: In den Inskriptions-Unterlagen der Universität Tübingen befinde sich ein Eintrag zu einem gewissen "Ernst Gottlieb Ziegenbalg", der mit dem Vermerk "Tranquebarius" versehen sei. Niemand habe ihm bisher den merkwürdigen Vermerk erklären können. Aber wegen der Namensgleichheit habe er es für sinnvoll gehalten, sich mit dieser Frage an mich zu wenden. In der Tat konnte ich ihm da etwas weiter helfen.
Erst viele Jahre später, ergab sich jetzt eine sehr fruchtbare Kommunikation zwischen Herrn Lagler und mir, die ihren Niederschlag in diesem Text gefunden hat.
Ernst Gottlieb Ziegenbalg war ein Sohn von Bartholomäus Ziegenbalg und Dorothea Ziegenbalg (geb. Salzmann). Bartholomäus Ziegenbalg war vom dänischen König Frederik IV (Regierungszeit 1699-1730) nach Tranquebar (heute: Tharangambadi, Tamil Nadu, Südindien) gesandt worden, um dort eine lutheranisch-evangelisch geprägte Mission aufzubauen. Er landete dort erstmals im Jahre 1706. Auf einer späteren Reise (bzw. entsprechend mancher Autoren: im Anschluss an diese Reise) von Dänemark nach Tranquebar, eine solche Schiffsreise dauerte damals üblicherweise 8 bis 12 Monate, wurde Ernst Gottlieb Ziegenbalg geboren. Und dies war der Grund für seinen Beinamen Tranquebarius.
Vgl. E. Beyreuther, S. 93: Bartholomäus Ziegenbalg stirbt im Jahr 1719 in Tranquebar. Die junge Witwe [Bartholomäus] Ziegenbalgs ist in das alte Missionshaus an der Stadtmauer eingezogen. Der König [Frederik IV] hat ihr sofort eine Witwenrente eingesetzt. Der hochgeachtete Ratsherr Lygaard in Trankebar hält später um die Hand der Maria Dorothea an. Beide sind bald nach Kopenhagen gezogen. Der älteste Sohn Ziegenbalgs [Ernst Gottlieb Ziegenbalg] wird in der Denkendorfer Klosterschule zu Füßen Johann Albrecht Bengels erzogen. Er studiert später in Tübingen und Jena auf des Königs Kosten. Wir finden ihn als Mathematikprofessor und treuen Missionsfreund in Kopenhagen wieder. Offensichtlich hat er von seinem Vater die starke Neigung zur Mathemtik geerbt. Das zweite Söhnchen von Bartholomus und Dorothea Ziegenbalg ist in Trankebar gestorben. Der dritte, nachgeborene Sohn wird Direktor der dänischen Niederlassung in Bengalen ... In den politischen Stürmen des Landes verlieren sich seine Spuren.
Denkendorf und Maulbronn waren evangelische Klosterschulen in Württemberg, die als Lateinschulen fungierten und begabte Schüler auf das Studium am Tübinger Stift vorbereiteten. Viele pietistische Theologen und Missionare bzw. ihre Angehörigen, so auch Ernst Gottlieb Ziegenbalg, durchliefen diese Bildungseinrichtungen.
Zitat W. Lagler (persönliche Kommunikation):
In einem 2022 erschienenen Band mit Briefen von Johann Albrecht Bengel (zu der Zeit Lehrer in Denkendorf) habe ich eine Erwähnung von Ernst Gottlieb Ziegenbalg gefunden. Er war also zuerst Schüler in Denkendorf, dann in Maulbronn. Dies hängt damit zusammen, welche Klassen jeweils besucht wurden, m.W. wurde die Abschlußprüfung dann in Maulbronn gemacht.
Zitat Johann Albrecht Bengel (siehe "Ising: Briefwechsel"):
Ernst Gottlieb Ziegenbalg (13.12.1716–17.6.1758) aus dem indischen Tranquebar, Sohn des Dänisch-hallischen Missionars Bartholomäus Ziegenbalg (...), 1732 Klosterschule Denkendorf, Oktober 1733 Klosterschule Maulbronn, 1736 Theologiestudium in Jena, 2 Jahre Mathematikstudium in England, 1747 Prof. für Mathematik in Kopenhagen (Bio-bibliographisches Register zum Archiv der Franckeschen Stiftungen) ...
Zitat Knudsen
The records of the University of Tübingen ... show that Ziegenbalg was part of a group of pupils from the monastic school at Maulbronn Monastery in Baden-Württemberg, Germany, who matriculated on 26 October 1735. Ziegenbalg received a stipend (on the grounds that his father had passed away) to the Tübinger Stift. The Tübinger Stift, which has a close relationship to the University of Tübingen, is a “study house” offering room, board, and coursework to prospective pastors and teachers that is owned by the Evangelical-Lutheran Church in Württemberg. On 21 November 1735, Ziegenbalg was awarded a baccalaureate degree. He was dismissed from the Tübinger Stift in 1736 ... it was presumably because he was awarded a royal stipend from Denmark to study theology at the university in Jena.
It is possible that Ziegenbalg’s interest in mathematics was kindled by the lectures of Johann Conrad Creiling (1673–1752) at the University of Tübingen. ... According to the University of Tübingen’s Ordo studiorum (a list of courses offered at the university) for 1734, Creiling offered instruction in mathematics at the university ... More specifically, Creiling offered to read parts of Wolffi Epitomen with interested students. Wolffi Epitomen must refer to Christian Wolff’s Elementa matheseos universae (1713–1715). As we will see in a later section, Ziegenbalg referred to the Danish translation of the German version of this text (Wolff published both a German and a Latin version).
Bemerkung (JZ): Die Darstellung der archimedischen Methode zur Approximation der Kreiszahl π (Pi) durch Chr. Wolff gehört heute zu den Standarddarstellungen dieser Methode (vgl. G. Wolff, Handbuch der Schulmathematik, Band 3, S. 74).
Dissertation in Theologie; 1738
Erste Übersetzung der Elemente des Euklid in die dänische Sprache Kopenhagen 1744, vgl. P. Schreiber (Referenz im Detail: s.u.).
Fortsetzung Zitat Knudsen (s.u.):
In the preface to his translation of the Elements, Ziegenbalg described his education: A two-year stipend from King Christian VI of Denmark–Norway (reign 1730–1746) allowed him to study theology at the university in Jena in Germany. ... King Christian VI then allowed him to spend two years in England to study the mathematical sciences, a subject he was interested in and had studied previously at the universities in Tübingen and Jena. Ziegenbalg wrote that he worked diligently on mathematics while he was at the universities in Tübingen and Jena, during his two years in England, and for another three years after his return ... As the culmination of these many years of studying mathematics, Ziegenbalg dedicated his translation of Euclid’s Elements to King Christian VI.
In 1747, Joachim Frederik Ramus (1685 or 1686–1769) ... who was professor of mathematics at the University of Copenhagen and Ziegenbalg’s mentor, was given an exemption from lecturing. Ziegenbalg became Ramus’ substitute and delivered the mathematical lectures at the university. He was also appointed “designated professor” (designeret professor); that is, he was named as Ramus’ successor. ...
Ziegenbalg wrote two university programs (public announcements issued by the rector of the University of Copenhagen) in Latin in 1755, one on the usefulness of geometry, entitled De utilitate geometriæ, and the other entitled De præcipuis frigoris qualitatibus et effectibus (On the Special Qualities and Effects of Cold). ...
Also in 1747, Ziegenbalg became a member of the Royal Danish Academy of Sciences and Letters (see ref "Dänische Akademie der Wissenschaften"). He published three treatises in the proceedings of the Academy [Nielsen 1912, 220]: Observationer, som ere gjorte over Veyrliget og Vindene i Kiøbenhavn fra Dec. 1745 til Juni 1748, samt kort Afhandling om slige Observations Nytte (Observations, which are Made of the Weather and Winds in Copenhagen from December 1745 to June 1748, as well as a Brief Treatise on these Observations’ Usefulness); En Merkværdig Egenskab, funden hos Snegle (A Peculiar Characteristic Found in Snails); and Aarsagen til Iis (The Cause of Ice).
Ernst Gottlieb Ziegenbalg starb 1758 in Kopenhagen.